„VERTRAUT – UNVERTRAUT“

28. April, 18 Uhr

„VERTRAUT – UNVERTRAUT“

Dieses Programm versteht sich als ein Ganzes – es soll nicht in einzelne Nummern zerfallen.
Eher sollen die unmittelbaren Nachbarschaften unverhoffte gegenseitige Abfärbungen und Beeinflussungen blosslegen, auf dass der veränderte Kontext – so die Hoffnung – auch die einzelnen Stücke als nicht dieselben zurücklässt, die sie ohne den Kontext waren.

© v.Westphal

Galina Ustvolskaya 6. Sonate für Klavier (1986)

Mela Meierhans Stücke aus „!Triton“ (1991) und „Loose structures“ (2006)

Joh. Seb. Bach / Johannes Brahms Chaconne (1717) für Klavier und die linke Hand allein gesetzt von Joh. Brahms (1879)

Salvatore Sciarrino „perdutto in uns città d‘aque“ (1991)

Laura Gallati „vertraut – unvertraut“ (2017)

Johanna M. Beyer „Music of the spheres“ (1938)

Zum Programm

Galina Ustvolskayas 6. Klaviersonate aus dem Jahr 1989 ist die letzte in der Reihe der sechs Klaviersonaten, die radikalste im radikalen Werk der Galina Ustvolskaya. Und es ist eines der letzten Werke der Komponistin überhaupt.
Mela Meierhans „Triton“ aus dem Jahr 1991 ist das Opus 1 der Komponistin, die sich auf die sechs Klavierstücke opus 19 von Arnold Schönberg beruft. Sowohl Ustvolskaya wie Meierhans‘ „Triton“ entwickeln den Verlauf ihrer Stücke aus einer Keimzelle heraus, die zwar ausgeweitet, aber hartnäckig beibehalten wird.
(Ustvolskaya 6. Sonate in einem Satz. Meierhans „Triton 1 + 4 “, sowie die Stücke 4 + 12 aus „Loose Structures“ aus dem Jahr 2006.)

Salvatore Sciarrinos Stück „Perdutto in una città d‘aque“ teilt mit Meierhans Triton das Entstehungsjahr: 1991 – eine weitere Verwandschafts-Spur. Mehr als um menschliches Verlorenheitsgefühl angesichts der unergründlichen Tiefe des unbeweglichen Wassers, geht es Sciarrino um das Bild der stoischen Unendlichkeit der Natur.

Eine geheime Verwandtschaft zum letzten Stück, Johanna Beyers „Music of the Spheres“:
 Johanna Magdalena Beyers „Music of the Spheres“ entstand 1938 als Auftakt der geplanten und nie verwirklichten Oper „Utopia“. Zur Besetzung schreibt das Partituren- Fragment: „Für elektrische Instrumente“, dies im Wissen darum, dass die Elektronik damals noch in den allerersten Kinderschuhen steckte. Der utopische Vorgriff weist also weit in die Zukunft. Der Inhalt des Stückes entzieht sich – wie bei Sciarrino – menschlichen Gefühlen: es ist ein langsam sich steigerndes Kreisen, das sich in der 2. Hälfte auf dem Weg durch die Stratosphären wieder verlangsamt – eingerahmt von Löwengebrüll.

Johann Sebastian Bach komponierte 1717 die Chaconne als Teil seiner zweiten Solo- Geigensonate. Die Chaconne im langsamen Sarabanderhythmus spielt als einziges nicht der Neuen Musik angehörendes Werk eine Sonderrolle in diesem Programm. Es streut seine Magie nach vorn und nach hinten, singulär und monolithisch, als musikalische Architektur ebenso magistral wie dem Ohr zugewandt – zu verstehen als Trauermusik über den Verlust von Schönheit und Sicherheit; hier in der Fassung von Johannes Brahms, der 1879 rund 162 Jahre zurückschaut – zurückhört – und uns die Chance gibt, weitere 140 Jahre später wiederum auf ihn, Brahms, und weiter zurück auf Bachs Botschaft zu hören.

Ein Echolot für die linke Hand allein – Brahms‘ Tribut an J.S. Bach und an Clara Schumanns Kraft und Wendigkeit der linken Hand und wohl auch an die linke Gehirnhälfte!


Der Titel „vertraut – unvertraut“ meines freien Stückes versteht sich als Reflexion über Freiheit, und Gebundenheit, über Zweifel und Ungewissheit als Inspirationsquelle.

Laura Gallati

Als klassisch ausgebildete Pianistin hat sich Laura Gallati lange Zeit vornehmlich auf die Interpretation zeitgenössischer Werke konzentriert. Das Unbehagen an traditionellen Programmritualen und eine über die Jahre gewachsene Neugier an Mischformen (notierte Werke mit nichtnotiert-freien Teilen / zeitgenössische Musiksprache mit eingewebten Bruchstücken älterer Musik) führten zu „komponierten Programmen“ und komponierten Interpretationen. Nach 2000 eröffnete die elektronischen Musik ein weiteres Arbeitsfeld. Diverse elektroakustische Musiken befassten sich mit Fabrik- Produktions- und Labor- und Stadtgeräuschen, u.a. sind Musiken für Filme so entstanden. Hauptakzent der letzten Jahre lag jedoch vor allem in der Suche nach musikalischen Entwicklungen, wie Musik zum inhaltlichen Äquivalent zu Wortbeiträgen des Forum Akazie 3 entwickelt werden könnte.
Zusammen mit Christina Thürmer-Rohr ist Laura Gallati Mit-Begründerin und Mit-Betreiberin des Berliner Forums Akazie für philosophisches, musikalisches und politisches Denken. (http://forumakazie3.de)

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